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Der Innenausbau von Kantze

Text und Fotos: Stefan "Kantze" Kantzenbach

 

Umbau HZJ 78 vom Fernreisemobil zum Familienwohnmobil

 

Der HZJ 78 ist ein prima Auto, für zwei. Mit zwei Personen kann man reisen, hat Platz ohne Ende und halbwegs komfortabel sitzt es sich auch im Cockpit. Mit diesen Grundvoraussetzungen haben vor einigen Jahren viele Gleichgesinnte ein solches Auto gekauft, das jeder Dorfschmied in Burkina Faso reparieren kann, wenn man als Schlipsträger es schon nicht selbst hinbringt. Also gingen viele auch gleich frisch ans Werk, die unbequemen Längsbänke raus, und Wohnausbau rein mit Schlafgelegenheit und viel Platz für Ausrüstung und autarkes Leben für mindestens drei Wochen. Alles richtig gemacht!

 

 

 

 

Jetzt galt es nur noch dieses robuste und perfekt ausgerüstete Fahrzeug zu dem viel zitierten Dorfschmied nach Burkina Faso zu bringen, damit der seinem Ruf gerecht werden kann. Fernreise oder zumindest Testreise steht an.

 

 

 

Wer mit einem vollkommen heilen Auto nach Hause kommt, das die Sicherheit vermittelt hat, doch gleich bis Kapstadt weiterfahren zu können, fällt um so mehr aus allen Wolken wenn die ungekannte Reiseübelkeit der besseren Hälfte sich auch nach Urlaubsende so hartnäckig hält. 10 Monate später sieht sich der stolze Neuzeit-Kolumbus mit der unschönen Frage konfrontiert, wohin mit dem Genmaterial im Maxi-Cosi, denn im Männerauto war dafür kein Platz vorgesehen – klingt komisch, ist aber so.

 

Okay, die anderthalb-Sitzbank für den Beifahrer muss her – bringt nix, Babyschale blockiert den Schalthebel. Andersherum mit der Gattin in der Mitte geht es auch nicht. Längssitzbank mit Zurrgurt ginge, provoziert aber irritierte Blicke bei der Mutter oder gar Grundsatzdiskussionen über den Stellenwert von Auto versus Kind...

 

 

versus

 

 

Es hilft nichts, die möbelgeschreinerte Autarkie für die Wüste muss adäquaten Sitzgelegenheiten mit TÜV-fähigen Befestigungen weichen. Dabei taucht noch das Problem der Wohnmobilzulassung auf, die einen gewissen Grundausbau vorschreibt. Mit diesem und vernünftigen Sitzen kann auch ein 78er recht schnell zu einer Sardinenbüchse werden, wenn Reisebett, Kinderwagen und die Windelberge alle mitmüssen. Allerdings realisieren nur die wenigsten die ganze Tragweite der Veränderungen.

 

Bis dahin ist alles frei erfunden und Ähnlichkeiten zu lebenden oder bekannten Personen sind rein zufällig und vollkommen unbeabsichtigt.

 

Hier beginnt meine Geschichte:

 

Sohnemann hatte stolze 52 cm (vom nicht vorhandenen Scheitel bis zu der überproportionalen Sohle gemessen) und wollte in den gelben Fernreisebomber. Da war kein Platz, weil 160 l Wassertanks mit Filteranlagen und Ausrüstungsschränke für drei Wochen Autarkie in der Wüste machten den 78er zu einem klassischen Zweisitzer. Also alles raus und nachdenken. Nachdem alles im Keller stand und ich mir der Tragweite des gerade Geschehenen bewusst wurde, machte ich mich an die neue Planung. Die Rechnung "ein Kind = ein Sitz" habe ich sofort verworfen, weil Kinder Großeltern, Tanten und andere Kinder magisch anziehen. Zudem habe ich vom Oslo-Syndrom gehört (welches beschreibt, dass Opfer nach einiger Zeit ihre Peiniger lieben lernen) und damit war eine weitere Vermehrung also auch nicht mehr kategorisch ausgeschlossen. Also mindestens vier Sitze mit vernünftigen und geTÜVten Gurten. Sitzbank war mir zu teuer, also zwei Einzelsitze, die zudem noch die Möglichkeit des Durchladens offen hielten. Ins Forum geschaut und zwei Sitze ergattert, Fahrersitz und Beifahrersitz. Bekannte Werkstatt für Umbau und TÜV Abnahme gesucht und gefunden. Originalgurte an den Originalbefestigungen hielten auch dem strengen Auge des Prüfers stand. Zugegeben die Beinfreiheit ist für ausgewachsene 1,90 m Männer nicht komfortabel, aber für Kinder sollte es für die nächsten 10 Jahre reichen. Die Einzelsitzvariante hat zudem noch den Vorteil, dass selbst bei vollbeladenem Auto Platz zum Wickeln zwischen den Sitzen ist. Daran muss man auch denken!!!

 

 

 

Jetzt stand ich nur vor der Frage, was für einen Ausbau und was benötige ich dafür. Ich habe mir Zeit gelassen und beobachtet. Wir haben bei Reisen jetzt immer sehr viel Gepäck dabei und bewegen uns fast immer in der Zivilisation. Also die ganzen Anforderungen an eine autarke Lösung sind nicht mehr notwendig. Dafür kommen andere Punkte ins Spiel. War unter Fernreisenden warmes Wasser noch als Luxus verpönt, so ist es doch mit Kindern extrem sinnvoll nach einem Windelwechsel sich vernünftig die Hände waschen zu können oder einen Windelplatzer gar mit einer warmen Dusche zu behandeln. Bleiben wir mal beim Thema Wasser: die umfangreiche Filteranlage, die das überleben mit dreckigem Brunnenwasser sichert, ist auch überflüssig, da das Wasser meist aus dem heimischen Hahn kam und dann mit Micropur einfach haltbar gemacht wurde. Also die Konstruktion wurde ausgebaut und an anderer Stelle reduziert. Der Stauraum wurde wieder großzügiger und freier genutzt, da keine Ausrüstungsmassen das Fortkommen in der Einsamkeit mehr sichern mussten, sondern das Reisebett die Nachtruhe bei Tante Frieda etwas retten sollte.

 

Daraus entstand folgender reduzierter Ausbau, der den neuen Anforderungen gerecht wurde und dennoch genügend Platz ließ für die umzugsartigen Gepäckmassen, die junge Familien so an manchem Wochenende bei den Großeltern bewegen.

 

 

Ein 70 l-Wassertank, quer über der Achse zwischen den Radkästen verbaut mit Druckwasseranlage und einem an den Kühlkreislauf angeschlossenen Wärmetauscher aus dem Bootsbau wurden verbaut. Wann braucht man/Frau warmes Wasser? Bei Zwischenstopps oder nach der Fahrt, sehr selten vor der Fahrt. Daher wurde dieses Konzept gewählt mit einer normalen Cramer-Spüle, aber einer Dusche mit Brause und 1,5 m Schlauch, die auch problemlos nach hinten heraus gezogen werden können um damit Kinder, Gummistiefel oder Meerwasser abzubrausen. Ein zwanzig Liter Abwassertank fing alles auf, was nicht außerhalb des Wagens "geduscht" wurde. Dieser Küchenblock mit Schalterpanel für die ganzen Verbraucher und den zentralen Laderegler für den Versorgungskreislauf sowie dem CD-Wechsler für die mittlerweile verwendeten akustischen Tranquilizer für den Nachwuchs, wie Teletubbies, deutsche Volkslieder mit saisonalen Inhaltsschwankungen oder im besten Fall noch Räuber Hotzenplotz! Wie wichtig diese technischen Neuerungen sind weiß jeder Vater nach spätestens drei Stunden Autobahn zu schätzen...

 

 

 

 

 

 

Auf der Fahrerseite fanden in einer kleinen Kiste noch die Zusatzbatterie, Verbandskasten und das Werkzeug seinen Platz. Vor der kleinen Tür habe ich die Kühlbox montiert, damit man diese mit einem einfachen Zugriff von außen erreichen kann. Mit Kindern haben "Frischhalten" und "Warmmachen" eine andere Bedeutung erlangt. Daher auch die Reduktion des Aufbaus auf diese "Grundfunktionen" Die Kiste mit dem Tank war zudem so angelegt, dass die von der Höhe noch als Sitzgelegenheit bei Schlechtwetter taugte. Improvisiert hatte man sogar zwei "Tische", den Arbeitsbereich des Küchenblocks und die ebene Fläche der Kühlbox.

 

 

Hierauf kam auch meisten der Origo-Kocher ins Spiel, um Fläschchen zu wärmen oder das Mittagsgläschen auf Temperatur zu bekommen.

 

Wichtig war zudem noch, dass der Ausbau ohne Kühlbox genügend Raum für den Kinderwagen hat, damit dieser nicht zusammengefaltet werden muss, wenn man nur mal schnell irgendwohin wollte.

 

So...das war´s soweit. Bei Fragen stehe ich jederzeit gern zur Verfügung!

 

Besten Gruß von einem der mittlerweile auch alle Plätze mit direkten Nachkommen besetzt ;-)

 

stefan@kantzenbach.de

 
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